Rolf Wemmer
Erst Süd dann West
Preis: € 16,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seiten: 212
ISBN: 978-3-85022-412-3
Veröffentlichung: 09/2008
Neue Rechtschreibung,
zahlreiche SW-Abbildungen
 
Ein wenig Aufregung bringt jeder Start in eine zwar geplante, aber doch unbekannte Zukunft.
Das Segelabenteuer von Rolf und Helga Wemmer beginnt im Frühjahr 1980 in Holland, nachdem die beiden die Segeljacht „Wasa” fertiggestellt haben. Bei denkbar schlechtem Wetter laufen sie, von zwei Freunden begleitet, aus und starten zunächst ihre abenteuerliche Fahrt nach Dover, auf der südlichen Nordsee ......

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Leseprobe

„Unsere Erde, auf der wir leben, ist in allen Winkeln und Ecken entdeckt, in Scheibchen geschnitten und seziert worden.
Hat das Magische, das Geheimnisvolle noch Resonanzen? Ich behaupte: ja.
Macht man die wachen Augen auf, so spürt man auch heute noch die Begegnung mit dem Außergewöhnlichen, das Erlebnis des Unerklärlichen, den Ursprung des Seins.
Der, der nichts mehr fühlt, nicht mehr die Wunder der Natur beachtet, ist mit trauriger Blindheit geschlagen und wandelt fern der Realität, abgestorben, als Toter durch das Leben.“




Liebe Leser,


ich hatte die Erlebnisse unserer Fahrten bereits am Ende unserer ersten, mehrjährigen Segelbootreise aufgezeichnet. Ein Buch war eigentlich nicht geplant.
Auf einer kleinen Jacht hat man kein Atelier und keinen Schreibtisch. Aus Platzmangel packte ich Logbücher und Tagebücher in die alte, lackierte Seemannskiste aus Mahagoni und meinen euphorischen Tatendrang gleich dazu.

2005 – die dritte große Fahrt in unserem Seglerleben brachte uns eine Zwangspause, die nicht eingeplant war. Da waren sie wieder, die längst verloren geglaubten rostigen Schlüssel zur Vergangenheit. Ich war erstaunt, als ich in diesen vom Salzwasser geschwängerten Kritzeleien, die Erinnerung einer langen Reise wiederfand.
Helga hatte versprochen, mit mir das Ruder des Lebens festzuhalten, auch bei stürmischer See: „Ja“ zur Segelfahrt des Ehelebens und ein großes „Ja“ zu kommenden Reisen. 1970 hatten wir im ­Hafen der Liebe festgemacht, dann folgten die Aufbaujahre unserer neuen Zweisamkeit sowie harte Zeiten im Berufsleben. Jeder hatte sich zu bewähren. Viel Zeit für die Stunden der Entspannung auf dem Wasser blieb uns nicht.
Die offene Holzjolle verkauften wir und erstanden 1971 unsere erste gemeinsame Minijacht von 5,18 m Länge in England. Es folgten abenteuerliche Segeltouren auf der Nordsee. Mit einer Medaille endete dieses Zwischenspiel 1973.

1974 – ein neues Boot, 7 Meter lang. Damit segelten wir in den Norden. Die Reise zum First of Ford war der erste reale Härtetest und endete mit der Verleihung der Silbermedaille der Kreuzerabteilung des DSV.

Helga hatte eine arbeitsreiche Position in der Lebensmittelbranche inne, ich meinerseits kletterte bei den Fischerwerken die Karriereleiter aufwärts.
Auf der „Düsseldorfer Boot“, 1976 noch eine sehr bescheidene Bootsausstellung, warb die Fa. Deerberg mit dem Selbstbau einer Beryll, 30 Fuß lang und 3,10 breit – für uns Kleinbootsegler ein recht passables Boot. Klar, dass die Werftleute gleich einen Vertrag mit uns abschließen wollten. „Wir möchten doch erst die Arbeitsstätte sehen“, gab ich zu verstehen. In der Nähe von Lüneburg ist Bleckedermoor und hier war auch die Bootsbäckerei.
Die großen luftigen Hallen machten einen guten Eindruck; und auch sonst hatten wir das Gefühl, in guten Händen zu sein. Der Vertrag und die Anzahlung kamen noch 1976 unter Dach und Fach, und der Baubeginn fiel auf den Wonnemonat Mai 1977. Nach arbeitsreichen vier Wochen hatten wir den Kasko fertiggestellt. Er wurde sehr sorgfältig gebaut und 30 %ig stärker, als es Lloyds of Shipping vorschrieb. Wir bauten Tag und Nacht. Die Reise um die Welt war eingeplant.
Bei dieser Bauerei machte sich meine Handwerkerausbildung bezahlt: Theorie und Praxis vereinten sich in vorbildlicher Weise.
Da stand er nun, der Panzerkreuzer „Wasa“ – schön, stark und seetüchtig. Der Transport bereitete uns Probleme, denn der Kasko sollte zusammen mit drei anderen Kaskos transportiert werden, was aber nicht möglich war, da der tatsächliche Platz auf dem Tieflader der Spedition nicht ausreichte. „Kommt nicht infrage“, gab ich per Tel. durch. „Wir besorgen uns einen anderen Spediteur.“ Die Spedition, die wir beauftragten, arbeitete korrekt und wir hatten nichts zu bemängeln.
Ausgebaut haben wir das Boot dann in unserem Garten in Langenfeld bei Düsseldorf. Ein Boot mit eigenen geschickten Händen zu bauen, zu gestalten, dazu seetüchtig auszurüsten, bedeutet etwas Ursprüngliches, Elementares. Außergewöhnliche Fähigkeiten, die dazu eine persönliche Innovation kreieren und Ozeane bezwingen können, sorgen für gehobenes Empfinden und vermitteln einem das Gefühl der einmaligen Echtheit und vertrauenerweckenden Sicherheit. Man empfindet eine Mischung aus Abenteuerlust und Erhabenheit, vielleicht sogar etwas Stolz. Man ist mit seinem Boot verbunden und gehört zusammen wie ein Zwilling. Jeder Handgriff beim Bootsbau schenkt einem euphorische Zufriedenheit.

Fischerwerke, Kunden, Angestellte, Promotionsmitarbeiter, Abteilungsleiter und Verkaufsgespräche nahmen mich in Anspruch, und privat war ich auch noch der Bootsbaumeister Rolf – der Tag hatte für mich gefühlte 35 Stunden im Eiltakt.
Nein, das war der falsche Weg; der direkte Gang in den Abgrund ohne Wiederkehr. Zu relaxen und langsam, aber stetig weiterzubauen, war ab jetzt der vernünftigere Schritt nach vorne.
Volker, mein Sohn, baute fleißig mit, wenn er bei uns zu Besuch war: Blei in Barren gießen, Holz angeben, Löcher bohren usw. Den starken Niedergang (Treppe) bauten Vater und Sohn gemeinsam.
Schnell verrann die Zeit, und vorausschauende Planung war unerlässlich.

1978 – der Schiffsdiesel war eingebaut, die vorletzten Arbeiten erledigt, Segel von Haase geliefert. Alles war fertig für den Stapellauf. Gute Leute – die vom Tieflader und der tüchtige Kranfahrer, sie brachten unser „Baby“ ins nasse Element. Vor lauter Aufregung rammte ich, wie ein Anfänger, erst einmal den Steg im Jachtklub von Hitdorf.
Sekt für alle!
Da stand er, mein großer Traum, im Wasser.

Walter und Heidi, unsere Freunde, unternahmen die Überführungsreise nach Lemmer in Holland mit uns. Den Propeller hatte man falsch berechnet; er war zu klein, sodass wir auf dem Rhein in echte Schwierigkeiten gerieten. Kurz vor Ladenschluss konnte ich noch einen neuen und zur Wellenumdrehung passenden Propeller erstehen. Im Düsseldorfer Segelklub hatte man ein Einsehen und wir durften hier für kurze Zeit auf dem Slip pausieren. Es dauerte nicht lange und wir konnten mit größerer und richtig berechneter Schraubensteigung zurück ins nasse Element.

Zwei Jahre harten Segelns auf der Nordsee dienten zum Kennenlernen und als Materialtest. Der Mast wurde ausgetauscht. Der neue silberglänzende Mast hatte ein stärkeres Profil und eine verstärkte Wandung, dazu Ober- und Untersalinge. Boot und Crew waren in einem passablen Zustand.
Der gute Senator Dr. Arthur Fischer, Chef von 1200 Mitarbeitern und Inhaber von 5000 Patenten, wollte es nicht glauben, als ich meine hoch dotierte Arbeit bei den Fischerwerken, Abteilung ­Fischertechnik, kündigte. Insgeheim glaubte er bestimmt, ein böser Geist habe mein Gehirn verwirrt.
Auch heute noch, nach 25 Jahren, habe ich es nicht bereut, diesen Schritt ins Ungewisse gegangen zu sein. Meine Familie war da ganz anderer Meinung und schob den Aspekt meines Alters in den Vordergrund: „Wie kann ein Mensch mit 42 Jahren diesen Blödsinn verzapfen und die Welt umsegeln wollen? Du bekommst nie wieder so einen Traumjob!“, meinte meine liebe alte Mutter – und die Familie meiner lieben Frau erklärte mich klipp und klar für übergeschnappt.
Die Lebensphilosophie geht bei Fahrtenseglern manchmal sonderbare Wege – so, wie bei Tagträumern, denn diese realisieren ihre Träume und leben sie aus.
Es ist nicht so leicht zu erklären, warum man sich in der Mitte des Lebens in eine bis dahin nie gekannte Aufbruchstimmung versetzt fühlt – mit Abenteuerlust, mit Fernweh, man will schauen, was hinter dem Horizont liegt. Auch der Gedanke der Selbstverwirklichung spielt eine Rolle: Inwieweit kann mir meine eigene Grenze Einhalt gebieten, ohne Schaden zu nehmen?
Ich hatte Hunger nach der Ferne und den Wunsch, die Welt rund zu sehen, ehe sie für mich zusammenstürzen würde. Ich wollte noch mal ein kleines, interessantes Stück Welt in Augenschein nehmen, ehe die Knochen noch morscher und die rezeptiven ­Organe noch träger und anfälliger werden würden.
Eine sehr wichtige Frage: Wie steht meine liebe Frau und Lebenspartnerin zu den Tagträumen ihres Mannes, also zu mir?
Die Liebe muss schon sehr groß sein, um diese außergewöhnliche Segelreise zu akzeptieren, denn alles kann ja in einem Katastrophenfall enden. Großes Glück habe ich mit meiner verheirateten Crew, wenn ich das so sagen darf. Helga hat großes Vertrauen zu mir, ihren Lebens- und Hochseeskipper. Ich werde mich sehr bemühen, sie nicht zu verunsichern oder zu enttäuschen.
Nicht nur Mut, sondern auch Selbstdisziplin sowie technischer Sachverstand und ein starker Wille zum Erfolg gehören zu den Voraussetzungen des Abenteuers einer Weltumsegelung; denn, liebe Freunde, die Welt ist nicht erobert worden von Lebewesen, die hinter dem Fernseher sitzen und den heimischen Kirchturm nicht verlassen wollen.
Was hatte ich als Kind auswendig gelernt im Gedicht „Die Glocke“: Ein Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben, muss raffen und schaffen und die Welt umsegeln.
Entschuldige, guter Schiller, das mit der Weltumsegelung ist mir so reingerutscht.
Auf hoher See gibt es noch keine Wegweiser; daher navigieren wir Segler sowie die Großschifffahrer nach den Gestirnen. Sonne, Mond und die Sterne zeigen uns den einsamen Weg und führen uns bis zum Ziel – vorausgesetzt, man hat richtig gerechnet. Das hatte man ja auf der Seefahrtschule erworben: theoretische Kenntnisse sowie genügend Praxis in der Schiffsführung, Gesetzeskunde, Seemannschaft, Funknavigation und astronomischen Navigation. Am Ende schloss ich ein Examen zum Erwerb des Sportsee- und Sporthochseeschifferscheins ab.
Mary Blewitt, eine englische Hochseeseglerin, vermittelte in ihrem Buch „Navigation nach Gestirnen“ ausreichende Kenntnisse für die Standortbestimmung auf hoher See.
Mit den US-Tafeln H0 249 waren wir auf den Weltmeeren gut bedient. Es handelte sich hierbei um ein vereinfachtes Verfahren gegenüber der Semiversus-Funktion und der Trigonometrie mit den langen Zahlenkolonnen. Winkelfunktionsberechnungen, um das astronomische Dreieck zu ermitteln (wie Kosinus, Tangens, Kotangens, Sekans, Kosekans) fallen dann fort. Ja, meine guten Freunde, GPS – das gab es noch nicht, es wäre ja so herrlich einfach gewesen.

Monate vor der Aufgabe unserer Wohnung hatten wir die deutsche Botschaft in Quito angeschrieben, um für die von Ecuador verwalteten Galápagosinseln eine Besuchserlaubnis zu bekommen.
Der Startpunkt der Weltumsegelung rückte näher. Wir hatten 350 Seekarten an Bord, 150 Aldidosen, einen Kubikmeter Knäckebrot von Wasa, eine Lkw-Ladung voll anderen Zeugs. Das alles musste in diesem kleinen Schiff verstaut werden.
55 Freunde kamen nach Lemmer, um mit uns Abschied zu feiern. Dr. Genser aus Cuxhaven spendierte uns die Bordapotheke. Er kam extra aus Cuxhaven angereist, um uns einen Mast- und Schotbruch zu wünschen. Heidi und Walter spendierten 150 Liter Bier. Firma Lütgenau sponserte die lukullischen Genüsse.
Volker und Sabine, meine beiden Kinder sowie Helgas Familie gaben uns die besten Wünsche mit auf Reisen. Helgas und auch meine Mutter konnten nicht zum Start kommen, denn das Alter drückte sie sehr. Tränen standen uns beim Abschied in der Heimat in den Augen; und Gewissensbisse lasteten schwer auf uns. Unsere Väter hatten uns für immer, schon vor längerer Zeit, alleingelassen, schweren Herzens taten wir das Gleiche mit unseren alten Müttern, in der Hoffnung, sie bei der Heimkehr wiederzusehen.
Fast das gesamte Führungspersonal der Fischerwerke war anwesend beim Start.
Dr. Fischer schenkte uns zum Aufbruch dieser Segelreise eine Spiegelreflexkamera und eine Riesenflasche Sekt. Eine persönliche Widmung des Senators Dr. Phil. Fischer fand sich auch dabei und sagte aus, dass er mich doch sehr darum beneide, die geplanten Vorhaben auch umzusetzen. – Ein Chef von 1200 Mitarbeitern trägt eben soziale Verantwortung, derer er sich nicht entziehen kann. „Eigentlich hatte ich doch gar kein schlechtes Los gezogen, ich bin so was wie vogelfrei“, dachte ich, als ich die Widmung las.

Kurz vor dem Start hatte sich bei mir eine innere Spannung aufgebaut, die beinahe die Toleranzgrenze überschritt, als ein holländischer Motorradeilbote nach mir fragte. Ein großer Briefumschlag wurde mir überreicht. Ich musste noch unterschreiben – und schon war der Bote weg. „Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland“, las ich. „Was wollen denn diese Leute von mir?“ Ein schlechtes Gewissen hatte ich eigentlich nicht, aber wer weiß, was die da in Bonn so alles aushecken. Erleichtert las ich den freundlichen Inhalt des deutschen Botschafters aus Ecuador. Ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd: eine Genehmigung von Admiral Martinez zum Bereisen des Galápagosarchipels mit der privaten Segeljacht „Wasa“! Der Botschafter hatte uns alles schon gleich ins Deutsche übersetzt. Wieder eine Hürde weniger, die uns von der kommenden Langfahrt trennte.
Das Abenteuer konnte seinen Anfang nehmen.